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Über die Hässlichkeit...

Über die Hässlichkeit...

Ich war 14 Jahre alt. Wir lebten in einer kleinen Militärgarnison nicht weit von der Nord-Koreanischen Grenze entfernt, in einer Bucht am Japanischen Meer.
Dieser Ort könnte so schön sein, wie auf den Postkarten. Könnte… Wenn es die ganzen giftigen Schlangen und allerlei an kriechenden, krabbelnden und fliegenden Viechern nicht geben würde. Dieses ganze Zeug versetzte mich in eine schreckliche Angst. 
Unsere Windhundin, eine wunderschöne schwarze Afghanin, begleitete uns seit einigen Jahren. Sie war mit uns in Leningrad und sogar auf der entlegenen Halbinsel Kamtschatka. Und in dieser Gegend am Japanischen Meer wurde sie von irgendeiner Zecke gestochen. Sie starb innerhalb von wenigen Stunden. Dieser schmale Grat vom Leben zum Tod war für mich schwer zu ertragen. 
Aber das Schrecklichste waren für mich die Menschen, die mich umgaben. Versoffene örtliche Einwohner, Schulmädchen, die mit vierzehn Jahren schon wie Dreißigjährige aussahen. Und zwölfjährige Mädchen, die sich mit Matrosen einließen.

Die Schule befand sich 10 km von unserer Garnison entfernt und manchmal fuhr der Schulbus. Aber oft war der Fahrer nachmittags schon besoffen und ich musste den Serpentinweg alleine zu Fuß nach Hause gehen. Unser Vater war von der Gegend begeistert. Er konnte endlich die ganze Zeit am Meer sein. Er schwamm viel in der Bucht, fischte und aß freudig das Meeresgetier. Unsere Mutter züchtete Tomaten im Garten und ärgerte sich über das Leben. Sie stritten sich weiterhin oft, mein Vater trank und fuhr besoffen Auto. Bis er das Auto irgendwann zu Schrott gefahren hat. Er überschlug sich mehrmals. Dieses Mal waren wir glücklicherweise mit meiner kleinen Schwester nicht dabei.

An einem Tag prallte ich wieder mal ganz heftig mit der Welt meiner Mutter zusammen. Aber an diesem Tag ist etwas Wichtiges passiert. Ganz plötzlich verstand ich, dass es ihr egal ist was mit mir passiert. Ich war 14 Jahre alt und wenn ich überleben will, muss ich mein Leben in eigene Hände nehmen.
„Ich werde alles tun, damit ich rauskomme“, sagte ich zu mir. Ich werde ein anderes Leben führen. Ein schönes, friedliches Leben, ohne Manipulationen und Misshandlungen. Ohne Gewalt. Ich brauche Schönheit. Menschliche Schönheit, Schönheit der Beziehungen und auch äußerliche.

Hässlichkeit vergiftet die Seele. Langsam, aber sicher kriecht sie bis zu der letzten Ecke deines Lebens. Wie ein wuchernder Virus wächst sie und steckt alles an. Und wenn vieles vergiftet ist, dann wird die Hässlichkeit zur Normalität. 
Ich habe von einem anderen Leben geträumt. Und auch wenn ich damals dieses Leben nur verschwommen sehen konnte, fing ich meinen Weg bewusst an. Es war mir klar, dass ich mich der Hässlichkeit wiedersetzen werde. Ich werde sie nicht als etwas Normales akzeptieren. Ich werde dagegen kämpfen und meine eigene Welt erschaffen.

Zuerst habe ich beschlossen in die Internatsschule der größeren Stadt Vladivostok zu fahren. Aber diese Hafenstadt der 90er war keine deutliche Verbesserung. Also entschied ich nach St.Petersburg zu meiner Großmutter zu fliegen. Nachdem ich dort 4 Jahren verbrachte, lernte ich meinen Mann kennen und wanderte nach Deutschland aus.

Ich wurde oft gefragt, ob die Umsiedlung nach Deutschland, mit einer neuen Sprache, neuen Kultur mir Angst gemacht hat. 
Angst? Mit Sicherheit nicht. Für mich war es nur eine große Chance ein neues Leben aufzubauen. Ein schönes Leben. Eins, dass ich gerne lebe. Mit Menschen, die ich liebe.

Es vergingen noch einige Jahre bis ich die Sprache gefunden habe mit der ich meine Erzählung in Bildern darstellen konnte. Und jetzt mit dem Schreiben fand ich noch eine weitere Sprache…

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