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Die Heiligenbilder aus unserer Zeit - weibliche Wesen als Metapher für die Würde des Menschen

Die Heiligenbilder aus unserer Zeit - weibliche Wesen als Metapher für die Würde des Menschen

Ein Artikel über die Arbeit von Ekaterina Moré von Dr. Orpel, Kunsthistoriker

Die Bilder von Ekaterina Moré sind keine Abbildungen oder Portraits im herkömmlichen Sinn. Sie sind vielmehr Symbolbilder, die aus tiefen Empfindungen heraus entstanden sind. Mit ihren eindrucksvollen Darstellungen bringt die Künstlerin ihre besondere Hochachtung vor der weiblichen Kraft zum Ausdruck. Nicht zufällig waren die Gottwesen in grauer Vorzeit weiblich und auch in unserer Zeit verkörpert die Frau viele Eigenschaften in sich, welche die Künstlerin in ihren Werken auf ideale Weise zur Harmonie bringt. Das anbrechende Jahrhundert wird feminin sein oder es wird nicht sein. Die isolierte männliche Seite, das kalte Machtstreben und die brutale Gewalt, die mit dem Patriachat oft verbunden waren, sind an ihre Grenzen gekommen. Ein neues Zeitalter nimmt seinen Anfang.

Mit der Figur der Frau – erotisch, sensibel, dabei kraftvoll und selbstbewusst setzt die Künstlerin positive Akzente in diese Richtung.

Ekaterina Moré wurde sie 1976  im damaligen Leningrad, das Anfang der 90er Jahre seinen ursprünglichen Namen, Sankt Petersburg, zurückerhielt, geboren. Heute lebt sie im Rheinland.  Ihr künstlerisches Talent wurde durch die Eltern besonders gefördert, weil die bildende Kunst in der Familie große Hochachtung genoss. Schon der Urgroßvater studierte an der Baron Stieglitz Akademie für Design, die während der Revolution geschlossen wurde. Ihr Großvater besuchte die Kunstakademie in St. Petersburg. Der Vater, im Ausgleich zu seiner Offizierskarriere, war als Bildhauer tätig und entwarf zusammen mit der Mutter, die als selbständige Künstlerin arbeitete, Bühnenbilder für das örtliche Theater.

Solch früher Kontakt zur bildenden Kunst haben bei Ekaterina Moré das Interesse am Malen und Zeichnen auf ganz besondere Art und Weise geweckt. Bereits in jugendlichem Alter ließ sie professionelle Ansätze erkennen. So entwickelte sie im Frühwerk eine eindrucksvolle Synthese zwischen  traditioneller russischer Malerei und avantgardistischer Kunst. Obwohl sie nie eine akademische Kunstausbildung genoss, fand sie rasch zu einer sehr individuellen malerischen Ausdrucksform und setzte sich als Künstlerin im Westen erfolgreich durch.

Mit ihrem starken Interesse an der  westlichen Kunst bildete sie unter den russischen Künstlern keine Ausnahme. Der Blick nach Westen war kennzeichnend für die russische künstlerische Avantgarde früherer Zeiten und dokumentiert sich nicht zuletzt in den reichen Kunstsammlungen, vor allem in der Heimatstadt von Ekaterina Moré, in Sankt Petersburg. Die westeuropäische Malerei hatte sie bei zahlreichen Besuchen  in der Eremitage kennen gelernt. Postimpressionistische Maler wie Gauguin, Cézanne und van Gogh waren ihre ersten künstlerischen Vorbilder. Später kam Tamara de Lempicka hinzu, die berühmte polnische Malerin, die lange Jahre in Paris gelebt hatte und von dort aus in die USA und später nach Mexiko übersiedelte. Zwischen Tamara de Lempicka und Ekaterina Moré ergeben sich einige Gemeinsamkeiten. Die künstlerische Entwicklung der beiden Frauen, die immer mehr zu der Darstellung der selbstbewussten und gleichzeitig erotisch feminin anmutenden Zentralfigur führte, ist hier ebenso anzuführen, wie die Tatsache, dass Tamara de Lempicka bis zur Oktoberrevolution einige glückliche Jahre in Sankt Petersburg, der Geburtsstadt von Ekaterina Moré, verbracht hat.

Durch den Beruf der Eltern lernte Ekaterina auch die Weite der russischen Landschaft und die Unterschiedlichkeit der Regionen kennen. Sie wuchs an der russisch-amerikanischen Außengrenze, auf der Halbinsel Kamchatka und am Japanischen Meer, auf.  Die visuellen Erlebnisse dort  haben ihren künstlerischen Horizont auf eine ganz besondere Art und Weise erweitert. Die Halbinsel Kamtschatka wird von Ekaterina Moré in ihren Erinnerungen an diese Zeit sehr eindrucksvoll beschrieben. Die Welt der dort lebenden Tschuktschen und Korjaken mit ihren farbenfrohen Kostümen, schamanischen Traditionen und ihren besonderen rituellen Tänzen hinterließ einen bleibenden Eindruck.

Diese menschenleere Gegend im äußersten Nordosten Russlands ist zwar das genaue Gegenteil von der Welt der Salons und des Tête à tête, das Ekaterina Moré heute malt, aber vielleicht kommt ihre Sensibilität für besondere Licht- und Farbeffekte von den Farberlebnissen in dieser Gegend, die im Winter im Dunkeln liegt und gerade deshalb in der extrem kurzen Sommerzeit durch die explodierende Farbkraft so intensiv auf die Sinne wirkt.

Wie jenes intensive nordische Licht Ekaterinas Wahrnehmung schärfte, war die Einsamkeit und Weite der subarktischen Region  möglicherweise der Anlass der intensiven Beschäftigung mit den inneren Bildern. Sie entdeckte in der Kunst die universelle Sprache der Menschheit, die unterschiedliche  Kulturen verbindet und die den Menschen die Möglichkeit gibt, dem inneren Kind zu begegnen.

So entwickelten sich im Fernen Osten Russlands also gute Voraussetzungen, um in Deutschland den eingeschlagenen Weg auf künstlerischem Gebiet weiter zu gehen.

Nach ihrem Umzug nach Deutschland begann sie großformatige Bilder zu malen, die rasch Interesse bei Kunstsammlern und Galeristen erregten. Erste Ausstellungserfolge hatte die Künstlerin bereits 2001. Bald danach waren ihre Bilder nicht nur in Düsseldorf und anderen deutschen Städten, sondern auch in Moskau, Oslo und Paris zu sehen. Produktgestalter erkannten das Potential und die Ausdruckskraft ihrer Figuren und übertrugen Ekaterinas Motive auf hochwertige Luxusartikel, so die Firma Rosenthal auf ihr wertvolles Porzellangeschirr. Auch Innenarchitekten wurden auf die ansprechenden und spannungsreichen Motive der Künstlerin aufmerksam und brachten sie an ganz besonderen Orten zur Wirkung. Wo könnten solche Salonszenen passender sein als in tatsächlichen Salons wie zum Beispiel in der Bar des Maritim Hotels in Berlin?

Die Schönheit der Frauenfiguren Ekaterina Morés kommt aus deren Innerem. Dadurch wirken sie beseelt und lebendig. Jene Wesen strahlen Selbstbewusstsein aus und Integrität. Eigenschaften, die angenehm auf den Betrachter wirken.

Die Attribute, welche die Personen tragen, rücken die Art der Darstellung in die Nähe von Heiligenbildern. Wie bei den Ikonen entsteht hier eine Art Symbolbild, das in diesem Falle nicht in einen religiösen, sondern in einen weltlichen Kontext eingebettet ist.

Dabei kommt es ihr vor allem darauf an, die Vielschichtigkeit der Ebenen in einer Persönlichkeit zu einer organischen Einheit zusammenzuführen. Diese Einheit besteht aus dem Zusammenspiel sich scheinbar widersprechender Eindrücke. Dabei geht es nicht nur um kalte Rationalität und warmherzige Emotionen. Ekaterina Moré geht in der Darstellung der Vielschichtigkeit des menschlichen Dasein weit darüber hinaus und legt tiefschichtige Nuancen offen. Ekaterinas Frauenfiguren wirken stolz und selbstbewusst, dabei gleichzeitig mitfühlend und mütterlich. Sie erscheinen offen und unnahbar zugleich, schwesterlich vertraut und doch seltsam fremd. Aus allen diesen Facetten entwickelt die Künstlerin das Idealbild der Frau, dem wir auf der gleichen Ebene begegnen können wie meisterlichen Ikonen, bei denen es ebenfalls um Idealbilder geht, die widersprechende Charakterzüge – vermeintlich  gute wie angeblich schlechte – in sich vereinen.

Die Malweise solcher Bilder kann nicht klassisch realistisch sein. Die Künstlerin bildet hier eine Kunstwelt, die von der Realwelt total verschieden ist – ein theatrum mundi in Reinform, an dem sich der Betrachter erfreuen kann. Darin hält sie ihre Figuren  in einer Art Schwebezustand zwischen eleganter äußerer Erscheinung und introvertiertem Wesen. Jene Spannung zwischen innerer und äußerer Welt gibt den Bildern eine besondere Ausstrahlung.  Durch jene unbestimmbare Vielschichtigkeit werden die Szenen zusätzlich mit Spannung aufgeladen. Vor allem die Doppelportraits gelingen der Künstlerin besonders gut.

Die Protagonistinnen bewegen  sich hier auf gleicher Ebene: Eine ähnliche Eleganz und eine persönliche Ausstrahlung, deren Nuanciertheit hier besonders einfühlsam zum Ausdruck gebracht ist, zeigt die Bandbreite der Palette, über welche die Künstlerin verfügt, um Schattierungen der Persönlichkeit offen zu legen. Nur eine kleine, fast unsichtbare intime Berührung unterstreicht die Vertrautheit zwischen den beiden Protagonistinnen. Die Phantasie des Betrachters wird so durch eine unwiderstehliche Kraft in Gang gesetzt. Wer sehnt sich nicht nach einer solchen unbegrenzten Vertrautheit und Nähe?

Aufgrund ihrer in sich harmonierenden Vielstimmigkeit strahlen die weiblichen Wesen, denen Ekaterina Moré in ihrem Werk die Referenz erweist, eine besondere persönliche Stärke aus, die bisweilen verunsichert. Sie scheinen den Mühen der Alltagswelt enthoben und nur für sich selbst auf der Welt zu sein. Sie sind somit im wörtlichen Sinne autonom und vereinen in sich Wissen und Würde. Das Kostüm, der Schmuck und sogar das Umfeld der jeweiligen Zentralfigur- die Attribute des Frauseins – nehmen die Ausstrahlung der Zentralfiguren in sich  auf und bildet die farbliche Ergänzung zu den wohlgeformten weiblichen Körpern, die im Zentrum der künstlerischen Darstellung stehen.

Ähnlich wie bei der Renaissancemalerei geht es Ekaterina Moré nicht nur um die Lichtwirkung der Farben, sondern auch um die Stofflichkeit, die sie mit farblicher Brillanz zur Wirkung bringt. Durch ihr großes handwerkliches Können führt uns die Künstlerin eine Wesensverwandtschaft mit künstlerischen Vorbildern vor Augen, die aufgrund der Freizügigkeit ihrer Darstellungen zunächst abseits zu liegen scheint. Handelt es sich bei den Dargestellten um Heiligenbilder unserer Tage, um sehr moderne, weltliche Nachfolgerinnen der klassischen Ikonenfiguren?

Ähnlich wie die ebenfalls mit hintergründiger Erotik aufgeladene Renaissancemalerei lassen auch Ekaterina Morés Werke solche Mutmaßungen durchaus zu.

Dr. Orpel, Kunsthistoriker
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