Blog

Etwas aus meiner Kindheit...

Etwas aus meiner Kindheit...

Den Hauptteil meiner Kindheit habe ich auf der nördlichen Halbinsel Kamtschatka, in einer kleinen russischen Militärgarnison am Ende der Welt verbracht. Damals war es eine geheime Militärgarnison am Fuß eines großen Vulkans. Eine entlegene Gegend, mit häufigen Erdbeben und schneereichen Winter. Wenn die Straße sehr verschneit ist, dann werden die Kinder in einem Panzerfahrzeug in den nächsten Ort mit einer Schule gefahren. In dem Bauch dieses Panzers ist sehr stickig, es stinkt stark nach Diesel. Danach ist es sehr schwer sich auf das Unterricht zu konzentrieren, denn die Übelkeit hält lange an.
Meine Eltern, meine kleine Schwester und ich leben in einem Haus mit etwa 30 Militärfamilien zusammen. Das Haus steht direkt am Waldrand und man sollte sich vom Vielfraß und weiteren wilden Tieren hüten, die in den Wintermonaten auf der Suche nach Nahrung sind. Die Wohnungen sind wie Zellen, in denen eine bunte Mischung von Menschen aus dem ganzen Land wohnt.
Unsere Zelle ist oft dunkel. Unsere Mutter, die an das pulsierende kulturelle Leben ihrer Heimatstadt Leningrad gewöhnt ist, kann sich mit dem Garnisonalltag schlecht anfreunden. Sie ist oft schlecht gelaunt, ärgert sich über unseren Vater und schweigt. Er trinkt, schlägt blindwütig die Wände durch. Dann vertragen sie sich und das bizarre Theaterstück wiederholt sich von vorne.
 
Ich bin 13 Jahre alt, meine kleine Schwester 4. Ich bitte meine Mutter darum, uns für die Sommermonate nach Leningrad zu schicken. Zu unserer Großmutter. Ich will meiner Schwester eine andere Welt zeigen, schön und friedlich. Ich will, dass sie einen ganz anderen Sommer erlebt. Ich erzähle ihr, dass wir in Leningrad spazieren gehen und viele schöne Sachen angucken werden. Wir werden viel Spaß haben! Die Mutter freut sich ein paar Monate für sich zu haben und stimmt meinem Vorschlag zu.
Quer über ganz Russland geht der Flug von Kamtschatka nach Leningrad, fast den ganzen Tag war man unterwegs. Das Flugzeug flog damals mit mehreren Zwischenlandungen.
Ich fühle mich ganz groß. Als wir in der Luft sind, kommt plötzlich Rauch in die Kabine. Ich will nicht, dass meine Schwester sich erschreckt und versuche sie zu beruhigen. Du hast weniger Angst, wenn neben Dir jemand ist, der deine Hilfe braucht.
 
Das Flugzeug macht irgendwo eine Notlandung und nach ein paar Stunden Wartezeit sind wir wieder in der Luft.
 
Wir kamen in Leningrad an. Ich habe damals klar gespürt, dass wir einander haben, egal was passiert. Meine kleine vierjährige Schwester wurde zu meiner Stütze, für sie musste ich stark sein. Und ich konnte eine Stütze für sie sein. ❤️
Mit Freunden teilen
Ältere Nachricht Neuere Nachricht